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„Ich habe dich je und je geliebt“

Spurensuche zu Jeremia 31, 3

Vor ein paar Tagen stand in der Tageslosung ein Satz aus dem Buch Jeremia, der mir den ganzen Tag hindurch durch den Kopf ging … auch heute noch.
„Ich habe dich je und je geliebt.“ (Jeremia 31, 3)

Täglich lese ich die aktuelle Tageslosung, oft husche ich darüber hinweg, aber es kommt auch vor, dass ein Vers hängenbleibt oder ich mir in der Bibel die Zusammenhänge heraussuche oder markiere. Aber dieser Vers von Jeremia war wie festgetuckert; er berührte mich. Also begann ich nachzuforschen, weil ich merkte, dass hier auf etwas Prägnantes hingewiesen wird.

Martin Luther gibt das mit den Worten „je und je“ wieder – eine Formulierung im Sprachgebrauch der damaligen Epoche der Reformation, die genau dieses Zeitlose ausdrückt: immer schon, immer noch, ohne Unterbrechung.
Zunächst einmal lohnt sich ein Blick auf den hebräischen Urtext. Dort steht wörtlich:
„Mit Liebe der Ewigkeit habe ich dich geliebt.“

Hier wird es noch deutlicher: „Liebe der Ewigkeit“ ist eine Liebe ohne Anfang und ohne Ende, jenseits der Zeit, nicht an einen Moment oder an ein Menschenleben gebunden.
Allein diese sprachliche Beobachtung öffnet bereits einen größeren Horizont. Denn wenn von einer Liebe der Ewigkeit gesprochen wird, dann klingt darin unausgesprochen auch etwas anderes an:
dass der Mensch selbst nicht nur ein Wesen eines kurzen Augenblicks ist, sondern in Beziehung zur Ewigkeit steht – dass er aus ihr kommt und auf sie hingeht.

Gehen wir historisch zurück, in welcher Situation dieser Satz gesprochen wird.
Jeremia lebt in einer der schwierigsten Zeiten der Geschichte Israels.
Das Land ist verwüstet, das Volk zerstreut, viele leben im Exil. Politisch, religiös und gesellschaftlich scheint alles gescheitert.
Gerade in diese Situation hinein lässt der HERR durch den Propheten sagen:
Ich habe dich nicht erst geliebt, als alles gut war. Ich habe dich nicht geliebt, weil du stark warst.
Ich habe dich je und je geliebt.

Der Satz steht am Anfang eines Abschnitts, den man oft das „Trostbuch“ Jeremias nennt.
Er ist so etwas wie der Grundton für alles, was danach folgt: Sammlung der Zerstreuten, Heimkehr, Heilung, Erneuerung.

Ein Blick in die Vergangenheit
Wenn man von Jeremia aus zurückschaut, erkennt man schnell: Diese Aussage steht nicht für sich allein. Schon bei Abraham beginnt die Geschichte mit einem Versprechen, das von Anfang an weiter reicht als nur bis zu einer einzelnen Familie:
„In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde.“ (1. Mose 12,3)
Bei Mose wird Israel am Sinai als „auserwähltes Volk“ bezeichnet – nicht wegen Größe oder Leistung, sondern ausdrücklich aus Liebe. Und zugleich wird diesem Volk eine besondere Aufgabe gegeben: Es soll ein „Reich von Priestern“ sein, also Mittler, nicht Selbstzweck, aber immer mit Blick auf etwas Größeres.

Jeremia greift diese Linie später auf, Jesaja formuliert sie bereits deutlich früher: Im Buch Jesaja 2,1–5 heißt es, dass alle Völker zum Berg des Herrn kommen werden, um Weisung zu empfangen. Hier wird diese Weite unübersehbar. Hier geht es nicht mehr nur um Israel, sondern um die ganze Menschheit.
Israel steht damit erkennbar stellvertretend: als historischer Anfang eines Weges, dessen Ziel nicht ein einzelnes Volk ist, sondern die Gemeinschaft aller.

Das Leben auf der Erde als ein Wegstück hin in die Ewigkeit
Wenn man diese Texte nebeneinanderlegt, entsteht ein Bild, das sich durch die gesamte Bibel zieht: Das Leben auf der Erde wird immer wieder beschrieben als ein Weg der Prüfung, der Besinnung, der Umkehr, der Läuterung.
Schon im Alten Testament heißt es, dass Gott den Menschen prüft, um zu erkennen, was in seinem Herzen ist. Im Neuen Testament verdichtet Jesus diesen Gedanken in den Ruf zur Umkehr. Es geht nicht um Strafe, sondern um Lernen.

Der entscheidende Gedanke
An diesem Punkt stellte sich mir eine Frage, die sich kaum vermeiden lässt, wenn man den Gedanken der göttlichen Gerechtigkeit ernst nimmt: Wenn GOTTes Liebe eine Liebe der Ewigkeit ist, wenn sein Heilswille allen Menschen gilt – unabhängig von Zeit, Herkunft, Bildung, Religion oder Lebensumständen – wie kann dieser Weg dann gerecht sein, wenn er (der Wille GOTTes) nur an ein einziges Erdenleben gebunden wäre?
Denn nicht alle Menschen haben die gleichen Voraussetzungen. Nicht Alle hören dieselben Worte. Nicht Alle leben zur gleichen Zeit, im gleichen Umfeld, mit den gleichen Möglichkeiten.

Ein Hinweis im Johannesevangelium
Im Johannesevangelium fällt in diesem Zusammenhang ein Satz auf, den Jesus im Gespräch mit Nikodemus zweimal ausspricht – eine Wiederholung, die im Johannes-Evangelium der Hervorhebung dient: „Ihr müsst von oben geboren werden.“ (Joh. 3)
Der hier verwendete Ausdruck stammt aus der griechischen Urschrift. Das Wort, das mit von oben übersetzt wird, bezeichnet im damaligen Sprachgebrauch eindeutig eine Herkunft von oben her, nicht einen rituellen Vorgang.
Es wird an dieser Stelle keine Handlung beschrieben, kein Vollzug oder äußerer Ritus erklärt.
Was genau damit im Einzelnen gemeint ist, wird im Evangelium nicht ausformuliert.
Doch der Gedanke eines Neuwerdens, eines erneuten Ansatzes des Lebens aus einem anderen Ursprung, steht klar im Raum.

Und genau hier ist ein wichtiger Grundsatz zu beachten: Der ursprüngliche Wortgebrauch deckt sich nicht mit den späteren Deutungen. Die Verbindung dieses Satzes mit einem konkreten Ritual entsteht erst viel später; im Text selbst wird eine grundsätzliche Aussage gemacht, keine symbolische Handlung festgelegt.

Wenn man die Aussagen der Propheten, Jesus Christus, des Johannes-Evangeliums und die großen Linien der Bibel wertfrei nebeneinanderlegt, ergibt sich eine erstaunlich geschlossene Gedankenfolge:
Das Leben auf der Erde ist kein Zufall. Es ist ein Weg – ein Abschnitt auf dem Weg zurück in die Ewigkeit. Ein Weg der Prüfung, der Besinnung, der Umkehr, der Reifung.
Und wenn Gottes Gerechtigkeit wirklich Allen gelten soll, dann muss dieser Weg größer sein als ein einzelnes Menschenleben.

Vielleicht ist es das, was mich an diesem einen Vers aus der Tageslosung so tief berührt hat:
„Mit Liebe der Ewigkeit habe ich dich geliebt.“
Er klingt wie ein Zuspruch aus einer Wirklichkeit, die größer ist als Zeit und Raum.
Wie ein leiser Hinweis darauf, dass nichts umsonst ist, kein Weg vergeblich, keine Mühe verloren.
Und dass es – trotz aller Fragen – einen Sinn, eine Ordnung und einen Weg gibt, der weiterführt.