Wenn man Karfreitag nur oberflächlich betrachtet, bleibt ein verstörendes Bild zurück:
Ein unschuldiger, friedliebender Mensch wurde verfolgt, verspottet, verurteilt und hingerichtet. Und genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Frage: Warum wird gerade dieser qualvolle Weg zum Mittelpunkt der christlichen Überlieferung? Was ist jetzt der genaue Sinn des Ganzen?
Solange man nur auf das äußere Geschehen schaut, bleibt Karfreitag schwer verständlich. Doch die biblischen Texte selbst lassen erkennen, dass hier mehr geschieht als ein politisches oder historisches Geschehen. Der Ablauf spielt sich auf der Erde ab, aber der eigentliche Zusammenhang reicht weit darüber hinaus.
Die Schriften weisen immer wieder darauf hin, dass das uns Menschen Sichtbare nicht die ganze Realität ist. Paulus schreibt, dass der Mensch seinen „Blick“ nicht nur auf das Sichtbare richten soll, weil das Sichtbare vergänglich ist, während nur das Unsichtbare Bestand hat. Damit wird eine Wirklichkeit angesprochen, die sich nicht mit den „Werkzeugen des Menschen“ erfassen lässt. In heutiger Sprache würde man vielleicht von einer anderen Dimension sprechen – nicht im physikalischen Sinn, sondern im Sinn einer geistigen Wirklichkeit, die größer ist als das, was der Mensch unmittelbar wahrnimmt.
Ohne diesen Zusammenhang bleibt Karfreitag tatsächlich wie eine weiße Wand. Man sieht, was geschieht, aber der Sinn erschließt sich nicht.
Bevor ich weitergehe, ist mir ein persönlicher Hinweis wichtig. Mir ist bewusst, dass viele Aussagen der Bibel heute unterschiedlich ausgelegt werden. Teile der modernen Theologie verstehen zentrale Begriffe eher symbolisch oder deuten sie vor allem psychologisch. Das ist ihr gutes Recht. Dieser Beitrag verfolgt jedoch ein anderes Anliegen. Ich möchte die Zusammenhänge so betrachten, wie sie sich aus den biblischen Texten selbst ergeben und wie sie von den frühen Zeugen verstanden wurden. Die Evangelien und Briefe stammen aus der Zeit der ersten Generation von Christen oder stehen in unmittelbarer Nähe dazu. Diese Menschen standen den Ereignissen zeitlich am nächsten. Darum erscheint es mir zumindest sinnvoll, auf diese ursprünglichen Aussagen zu schauen. Es geht hier nicht darum, neue Lehren zu entwickeln, sondern die vorhandenen Aussagen miteinander zu verbinden und ihren inneren Zusammenhang sichtbar zu machen.
Die Evangelien berichten übereinstimmend, dass Jesus verhaftet, verhört und verspottet wird und schließlich zum Tod verurteilt. Der Anklagepunkt lautet „König der Juden“. Der römische Statthalter Pontius Pilatus erkennt keine eindeutige Schuld und lässt das Urteil dennoch vollstrecken. Warum? Die Evangelien schildern, dass führende religiöse Autoritäten die Anklage vorantrieben und dass eine aufgebrachte Menge laut die Kreuzigung verlangte. Pilatus gibt schließlich dem Druck nach und lässt Jesus zur Hinrichtungsstätte außerhalb der Stadt führen. Der Ort heißt Golgatha. Dort wird er gekreuzigt. Über seinem Kopf wird eine Tafel angebracht mit der Aufschrift: „Jesus von Nazareth, König der Juden“. Er stirbt. Sein Leichnam wird in ein Felsengrab gelegt. So berichten es die Evangelien.
Damit ist der äußere Ablauf beschrieben. Doch damit ist der Sinn dieses Leidensweges noch nicht erkennbar. Bereits im Alten Testament finden sich Hinweise darauf, dass der erwartete Messias keinen Weg äußerer Macht gehen würde, sondern einen Weg, der mit Ablehnung und Leiden verbunden ist. Im Propheten Jesaja wird ein Mensch beschrieben, der Leid trägt, obwohl er kein Unrecht getan hat. Auch in den Psalmen finden sich Worte, die von Verfolgung und Verspottung sprechen. Die frühen Zeugen erkannten darin eine Linie, die sich im Weg Jesu wiederfindet.
Im Johannesevangelium findet sich ein entscheidender Satz. Jesus sagt vor Pilatus, er sei dazu geboren und in die Welt gekommen, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Damit wird der Grund seines Kommens ausdrücklich genannt. Es geht um Wahrheit.
Im biblischen Zusammenhang ist der Begriff Wahrheit nicht nur „richtige“ Information. Wahrheit meint die Wirklichkeit GOTTes und den Willen GOTTes für den Menschen. Diese Grundlage ist bereits im Alten Testament gelegt. Die Gebote beschreiben das Verhältnis des Menschen zu GOTT und zum Mitmenschen: GOTT achten, das Leben achten, wahrhaftig sein, nicht betrügen, nicht zerstören, den Mitmenschen respektieren. Die Propheten weisen immer wieder darauf hin, dass GOTT keine äußere Frömmigkeit sucht, sondern Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Aufrichtigkeit.
Christus bringt den Menschen diese Wahrheit nicht nur mit Worten nahe, sondern er bezeugt sie mit seinem ganzen Leben. In seinem Wirken wird sichtbar, was es bedeutet, GOTT zugewandt zu bleiben. Er spricht nicht nur davon, dass der Mensch sich an GOTTes Willen orientieren soll, sondern er lebt diese Zugewandtheit konsequent – auch dort, wo der Weg schwer wird. Gerade darin liegt der entscheidende Punkt. Worte lassen sich hören und auch wieder vergessen. Ein gelebter Weg aber bleibt sichtbar. Er zeigt, dass die Treue zu GOTT nicht nur Gedanke oder Lehre ist, sondern Wirklichkeit des Lebens sein kann.
Die biblischen Texte zeigen zugleich, dass Wahrheit in der Welt nicht unangefochten ist. Schon im Alten Testament wird beschrieben, dass der Mensch sich von GOTT entfernen kann. Gleich zu Beginn steht die Geschichte von der Schlange, die GOTTes Wort infrage stellt und Zweifel weckt. Im Buch Hiob erscheint der Satan als Ankläger, der behauptet, der Mensch bleibe GOTT nur treu, solange es ihm gut geht. In Sacharja tritt der Satan ebenfalls als Ankläger auf. In anderen Texten wird von Täuschung gesprochen. Die Formen sind verschieden, aber der Gedanke ist derselbe: Der Mensch steht nicht nur unter einem Einfluss. Wahrheit kann verdreht werden.
Im Neuen Testament wird diese Gegnerschaft klarer benannt. Dort ist vom Versucher die Rede, vom Satan, vom Vater der Lüge und vom „Fürsten dieser Welt“. Gerade dieser Ausdruck ist von Bedeutung. Er macht deutlich, dass die sichtbare Welt nicht einfach mit GOTTes Reich gleichgesetzt werden kann. Jesus sagt selbst, sein Reich sei nicht von dieser Welt. Damit wird eine Unterscheidung getroffen zwischen der sichtbaren Wirklichkeit und der Ordnung GOTTes.
Ein Blick auf die Geschichte der Menschheit zeigt, wie sehr die Welt von Gegensätzen geprägt ist. Machtinteressen, Gewalt, Ungerechtigkeit, Kriege, Unterdrückung und Täuschung gehören zur Erfahrung der Menschen. Die Bibel beschreibt diese Realität als ein Spannungsfeld. Der Mensch steht darin nicht ohne Orientierung, aber ausschlaggebend sind seine Entscheidungen, die er trifft.
Gleich zu Beginn seines Wirkens wird Jesus mit der Versuchung konfrontiert. Ihm wird ein anderer Weg angeboten, ein Weg, der mit Macht verbunden ist. Der Gedanke dahinter ist klar: Sein Auftrag soll verlassen werden. Die Ausrichtung auf GOTT soll aufgegeben werden. Der Weg soll verändert werden. Jesus geht diesen Weg nicht. Seine Ausrichtung bleibt auf GOTT gerichtet.
Besonders eindrücklich wird dies in der Szene von Gethsemane. Dort wird deutlich, dass der bevorstehende Weg keine Kleinigkeit ist. Angst ist vorhanden. Innere Not ist vorhanden. Gerade deshalb ist dieser Abschnitt von großer Bedeutung. Der Weg wird nicht aus Gefühllosigkeit gegangen. Der Weg wird bewusst gegangen. Die Verbindung zu GOTT bleibt bestehen.
Darin liegt die eigentliche geistige Tat. Der Weg Jesu zeigt, dass die Treue zu GOTT nicht von äußeren Umständen abhängig ist. Die Wahrheit bleibt bestehen, auch wenn der Mensch unter Druck gerät. Die Zugewandtheit zu GOTT bleibt maßgeblich.
Gerade darin wird sichtbar, dass der Weg Jesu in seiner Loyalität und Treue zu GOTT für den Menschen von großer Bedeutung ist. Der Mensch lebt in einer Welt, in der diese Wahrheit in weiten Teilen vergessen ist. Die biblischen Texte sprechen davon, dass Menschen die Worte GOTTes nicht hören wollen. Schon die Propheten weisen darauf hin, dass Menschen lieber hören, was ihnen angenehm erscheint. GOTTes Wille fordert den Menschen heraus, weil er eine Entscheidung verlangt.
Gleichzeitig verweisen die Schriften darauf, dass das Leben des Menschen nicht auf diese sichtbare Welt begrenzt ist. Der Hebräerbrief spricht davon, dass der Mensch hier keine bleibende Stadt hat, sondern auf eine zukünftige Wirklichkeit ausgerichtet ist. Die Bibel beschreibt diese Wirklichkeit als Reich GOTTes, als bleibende Gemeinschaft mit GOTT.
Vor diesem Hintergrund erhält der Karfreitag seine Bedeutung. Der Weg Jesu macht sichtbar, dass die Zugewandtheit zu GOTT die entscheidende Orientierung ist. Die Gebote behalten ihre Bedeutung. Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Liebe bleiben Maßstab.
Der Mensch steht vor der Entscheidung, woran er sich orientiert. Die Schriften zeigen einen Weg, der auf GOTT ausgerichtet ist. Karfreitag macht diesen Weg sichtbar. Darin liegt die eigentliche Bedeutung dieses Tages.

